DAS VERLORENE PARADIES - ELLA SCHLIESSER - Freie Volksbühne, 1992
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Info:

"Das verlorene Paradies" erzählt das Leben der Ella Schliesser. Ein junges Mädchen aus dem jüdischen
Ghetto im Scheunenviertel schließt sich den Kommunisten an. Sie wird Mitglied des Agitproptheaters
"Rotes Sprachrohr", flüchtet ins Exil und wird verhaftet. Sie überlebt Auschwitz und Ravensbrück. Zwei
Jahre nach Kriegsende, da alle Kraft verbraucht ist, geht sie an den Folgen zugrunde. Sie wird verrückt
und verbrennt sich mit den Worten: "Das Opfer ist vollbracht."

Szenenabfolge:
1. Ein lebendes Torpedo
2. Koscher kochen - der Vorgeschmack des Himmels
3. Faust - ein kleines rotes Buch
4. Die schöne Esther I
5. Es tut nicht gut soviel zu lesen
6. Koscher schlachten - "Dir zum Tod und mir zum Leben"
7. Gefillter Fisch
8. Die schöne Esther II - "...und er setzte ihr das königliche Diadem auf"
9. Der Auszug aus Ägypten
10. Die Laubhütte
11. Die schöne Esther III - zwischen Tate und Mame
12. Wenn ich umkomme, dann komme ich ebend um
13. Das Progrom - "Wenn Du nicht kannst gehen oben drüber, dann geh unten durch!"
14. "Oifn Prijpetschik..."
15. Der Schadchen
16. Esthers Rache
17. Ein anderes rotes Buch
18. Alexander Granach - die gebrochenen jüdischen Beine
19. "Meine Mutter, die Hur', die mich umbracht hat..."
20. Der heimliche Aufmarsch
21. Das Rote Sprachrohr
22. "Aja erzieht ihre Eltern."
23. "Wir liebten sie alle."
24. "Des Sowjetbürgers Lebenslauf ist Kampf und Lebensfreude."
25. Die roten Matrosen von Kronstadt - "Alle glauben!"
26. Ein neues Spiel
27. Elli und Fritz
28. "Dürfen Bolschewiki träumen?"
29. "Nur nicht feige sein!"
30. Das Pflanzenkommando Rajsko
31. Drei Generationen Kok-Saghys
32. "Chere Mariette"
33. "Mit beiden Armen umfasse ich mich und versuche diesen Menschen zusammenzuhalten, den eine
ungeheure Zentrifugalkraft in mir zur Explosion zu bringen trachtet."(S.M. Arnoni)
34. "Das Opfer ist vollbracht."

Besetzung:

eine Koproduktion von Theater TiefenEntTrümmerung
mit dem Theater der Freien Volksbühne, Berlin

Das verlorene Paradies - Ella Schliesser
eine Szenenabfolge von Ingrid Hammer und Peggy Lukac


Regie

Bühne
Kostüm
Musikalische Bearbeitung
Tonmontage

mit








Premiere

Spieldauer


Peggy Lukac
und Ingrid Hammer
Susanne Schappert
Susan Todd
Fred Vonderbank
Klaus Wagner

Uta Prelle
Regine Hentschel
Tessie Tellmann
Gregor Michaels
Chris Dehler
Christine Biniasch
Ottokar Lehrner
Erdogan Atalay

1992 Freie Volksbühne, Berlin
ca. 2 ½ Std.

Presse:

Vom Scheunenviertel bis in die Psychiatrie
Die Freie Volksbühne (West) stellte im Ballhaus Rixdorf am Kottbusser Damm ihre vermutlich letzte
Inszenierung vor. "Das verlorene Paradies ? Ella Schiesser" ist eine Koproduktion mit dem Theater
TiefenEntTrümmerung. Ingrid Hammer und Peggy Lukac, die Autorinnen des Stückes, richteten auch
die Inszenierung ein. Das Stück erzählt die Geschichte einer Frau, die in der ersten Hälfte unseres
Jahrhunderts gelebt hat - eine authentische Geschichte also und kein für die Theaterbühne erfundene.

Ella Schliesser ist Jüdin. Ihre Eltern kamen von Galizien nach Berlin und siedelten sich im Scheunenviertel
an. Die große, quirlige Stadt Berlin hat die strengen Glaubensgrundsätze der Eltern ein wenig aufgeweicht.
Elli darf in die Schule gehen. Aber das überdurchschnittlich begabte Kind gerät mehr und mehr in Konflikt
mit den orthodoxen Regeln, die im Elternhaus gelebt werden. Vor der Zwangsverheiratung läuft sie weg,
bricht aus, geht nach Hamburg, wird von der Polizei zurückgeholt; will zum Theater. Die temperamentvolle,
energische junge Frau schließt sich der KPD an, organisiert Agitprop?Theater, arbeitet bei Zeitungen,
emigriert nach Prag, dann nach Paris, wird dort verhaftet, schließlich nach Auschwitz deportiert. Sie wird
von der Roten Armee befreit, nach Dresden gebracht. Dort ist sie sofort wieder aktiv. Während einer
Kundgebung bricht sie zusammen, wird in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen wo sie alles an
Auschwitz erinnert und sie ihrem Leben durch Selbstverbrennung ein Ende setzt.

Diesen für die erste Hälfte unseres Jahrhunderts geradezu exemplarischen, tragischen Lebensweg eines
jüdischen Geschöpfes zeichnet das Stück nach. Herausgekommen ist ein nachdenklich stimmender
Theaterabend. Die Bühne ist ein leeres weißes Krankenzimmer, in dem die sterbende Ella ihr Leben
resümiert. Das Ensemble stellt diese Erinnerungen vor. Requisiten und Dekoration werden als Zeichen
eingesetzt, und dabei entstehen wunderschöne und beredte Bilder - witzig zur Feier des Laubhüttenfestes;
schaurig und erdrückend für die Nazizeit: Zum Geräusch vieler fahrender Züge fallen riesige Hakenkreuz-
fahnen über alles, hängen dann in drohender Stille, als ob die Zeit stehen bliebe. Bis endlich eine wackere
Putzfrau kommt und den Dreck wegräumt.

In diesen Bühnenbildern agieren die Schauspieler. Und auch sie stellen, für die politischen Eckpunkte in
Ellas Leben, lebende Bilder. Das ist schön: keine Phrasen, keine Wörterschwulst, sondern sinnlich
wahrnehmbar, fast revueartig - Theater. Es fällt schwer, die Darstellung der einzelnen Schauspieler zu
beschreiben, ohne die Ensembleleistung zu beschädigen. Alle sind sowohl Protagonisten als auch, in
anderen Szenen Kleindarsteller, Corps de ballet. Das eine so Überzeugend wie das andere.

Eine Schauspielerin muss allerdings besonders erwähnt werden: die Darstellerin der kleinen Elli, Regine
Hentschel. Wie dieses pummelige Persönchen mit Temperament und Feingefühl, Witz und großen Augen
Theater spielt, mit welcher Natürlichkeit, das ist ein Vergnügen. (Veit Stiller, Neue Zeit)


Theatralischer Lebensweg einer Frau in den Wirren unseres Jahrhunderts
[...] Auf der schlichten, dennoch ungeheuer vielschichtigen Bühne von Susanne Schappert haben die
Regisseurinnen den Lebensweg in Szene gesetzt. Die verstörte Elli, die auf ihr Leben zurückblickt,
immer noch in Momenten widerborstig und hellsichtig. Regina Hentschel ist die junge Elli, die alle
Facetten dieser Persönlichkeit freilegt, ebenso anrührend wie mitreißend. Mitunter schleichen sich
Längen ein, geht es plötzlich abrupt dem Ende entgegen, dennoch gibt diese Inszenierung
besonders in unserer Gegenwart einen notwendigen Anstoß zum Nachdenken. Paradiese - welche
auch immer - können schnell verloren gehen. (Bernd Lubowski, Berliner Morgenpost)


Das verlorene Paradies
[...] In der Inszenierung vollzieht sich das als Erinnerung der einbandagierten Kranken (Uta Prelle)
an die junge Ella (Regine Hentschel) zwischen rechtgläubigem Tate (Walter Jacob) und besorgter
Mutter (Tessie Tellmann), an ihrem Aus- und Aufbruch zum "Roten Sprachrohr", ihrer brennenden
Gläubigkeit an die Weltrevolution. Bestürzend ins Sinnbild gebracht ein Pogrom, nostalgisch die
Emphase der roten Fahnenschwinger zur metallenen Stimme Ernst Buschs:" Links, links, links!"
Grausamst dann die Erinnerung an das "Pflanzenkommando Rajsko" in Auschwitz, wo die Züchtung
von Gummipflanzen zum Sinnbild für lebens- und unlebenswertes Leben von Menschen wird. Zum
Schluss nüchtern die Wiedergabe von Erinnerungen von Überlebenden an diese ungewöhnliche Frau.

Unter den Zuschauern die letzten Mitwirkenden am "Roten Sprachrohr", auch viele junge Leute. Ein
säkularisiertes Requiem auf ein verlorenes Paradies, aus dem wie in vorangegangenen Produktionen
von TiefenEntTrümmerung ein "trotz alledem" gegen herrschenden Zeit- und Weltgeist heraus-
zuhören war. (Ernst Schumacher, Berliner Zeitung)


Am Ende nur die Einsamkeit
[...] Die Theatertruppe TiefenEntTrümmerung hat in den letzten Jahren mehrmals durch Inszenierungen
von sich reden gemacht, in denen sie sich mit Einzelschicksalen aus der Zeit des Nationalsozialismus
auseinander setzte. Die beiden Leiterinnen, Peggy Lukac und Ingrid Hammer, schreiben die Szenen
ihrer Stücke nach intensiver Recherche meist selbst und führen auch Regie. Auffällig ist ihre sensible
Art, mit dem Material umzugehen. Von dieser Fähigkeit profitiert auch die aktuelle Produktion
"Das verlorene Paradies". (Sibylle Burkert, die taz)